Roland Linz

Linz: "Man darf Österreichs Fußball nicht so schlecht reden".

Tschagguns - Wie hoch gewinnen wir gegen Liechtenstein? Eine Frage, die vor einigen Jahren noch ihre Berechtigung gehabt hätte.

Nach vier Niederlagen und einem Remis in der Teamchef-Ära II von Josef Hickersberger wäre Österreich wohl schon froh, wenn es einfach nur einen Sieg gegen die Kicker aus dem Fürstentum gäbe. Egal wie hoch.

Dabei sind Tore am Fließband gar nicht auszuschließen. Zumindest wenn man nach der Form unserer Legionäre geht. Vor allem jene der Stürmer.

So zum Beispiel Roland Linz. Der Wechsel des Steirers zu Boavista Porto hat sich bislang voll bezahlt gemacht. 4 Tore in 5 Spielen sprechen eine deutliche Sprache.

Im Sport1-Interview erklärt der 25-Jährige, warum dieses Happy End nach dem Trainer-Wechsel vor Saison-Beginn alles andere als normal war.

Zudem spricht er generell über seine ersten Monate in der portugiesischen Hafenstadt, erinnert sich an seinen Auslands-Flop in Nizza, geht er sowohl mit seinem früheren Austria-Trainer Frenkie Schinkels als auch mit allzu kritischen Ex-Teamspielern hart ins Gericht und freut er sich über den Umstand, dass die ÖFB-Elf gegen Liechtenstein einer Druck-Situation ausgesetzt ist.

Sport1: Roland, du hast dich im Sommer für manche überraschend auf das Abenteuer Portugal eingelassen. Eine erste Zwischenbilanz fällt vermutlich positiv aus, oder?
Linz: Bis jetzt ist es sehr gut gelaufen. Ich habe in 5 Spielen 4 Tore erzielt. Ich hatte auch Angebote aus Russland und Holland (Torpedo Moskau, FC Moskau und Groningen; Anm.d.Red.), aber ich war der Meinung, dass Portugal für einen Stürmer eine sehr gute Liga ist. Bislang bereue ich den Schritt nicht.

Sport1: In Österreich ist es nicht unüblich, dass man unbekannten Neuzugängen mit einer gewissen Grundskepsis gegenüber steht: Wenn du dich an eine ersten Tage in Porto zurückerinnerst: Wie bist du von Fans und Medien aufgenommen worden?
Linz: Es ist vermutlich überall so, dass es für einen Neuen relativ schwierig ist. Man braucht eine gewisse Zeit, um sich einzuleben, die Mitspieler kennen zu lernen, sich ans Training zu gewöhnen. Es ist schon ein komplett anderer Fußball als bei uns. Für einen Stürmer kommt dazu, dass man schnell Tore machen sollte. Das habe ich von Anfang an. Dadurch ist Druck von mir abgefallen. Was Medien und Fans betrifft, ist es in einem neuen Land manchmal vielleicht sogar positiv, wenn man so manches Negative nicht versteht. Ich bin aber sowieso nicht der Typ, der sich, was in den Medien steht, zu sehr zu Herzen nimmt.

Sport1: Wenn man durch Wien geht, merkt man im Vergleich zu anderen Städten gar nicht, dass hier zwei recht große Vereine beheimatet sind. Wie Fußball-verrückt ist Porto?
Linz: Was Fußball betrifft, kann man Wien nicht mit Porto vergleichen. Im Süden hat der Fußball sowieso einen anderen Stellenwert als in Österreich. Für mich gibt es aber kein besseres Land zu leben als Österreich. Nach meiner Karriere werde ich sicher in Wien leben.

Sport 1: Inwieweit bringt dich der Schritt nach Porto an Lebenserfahrung weiter?
Linz: Ich bin ja eigentlich schon mit 15 Jahren das erste Mal ins Ausland gegangen, zu 1860 München. Seit damals bin ich von zu Hause weg. Man entwickelt sich nicht nur sportlich sondern auch als Mensch weiter. So einen Schritt zu wagen, kann nur positiv sein. Allein von den Sprachen her: Neben Englisch kann ich aus der kurzen Zeit in Nizza ein wenig Französisch, jetzt lerne ich Portugiesisch.

Sport1: Du sprichst dein halbes Jahr in Nizza an. Was ist der Unterschied? Warst du damals noch nicht so weit oder gehst du es jetzt nur anders an?
Linz: Das kann man nicht vergleichen. Ich bin damals in eine Mannschaft gekommen, in die ich nicht reingepasst habe, es wurde sehr defensiv gespielt. Dazu kam, dass ich fast nie auf meiner Position gespielt habe. Meist war ich hängender Stürmer. Es war einfach nicht der richtige Verein. Wen ich zu einem anderen Klub in Frankreich gekommen wäre, hätte es vielleicht ganz anders ausgeschaut. Wenn man ins Ausland geht, braucht man auch immer ein bisschen Glück, dass man den richtigen Verein findet.

Sport1: Du hättest auch bei Boavista Pech haben können, denn der Trainer, der dich verpflichtet hat, ist noch vor Saison-Beginn zum FC Porto gewechselt...
Linz: Trainer Jesualdo Ferreira, der ebenfalls im Sommer neu zu Boavista gekommen ist, hat mich geholt. Dann haben sie beim FC Porto den Trainer entlassen. Eineinhalb Wochen vor Meisterschaftsstart ist er als deren Wunschkandidat gewechselt. Zeljko Petrovic wurde sein Nachfolger - ein junger, sehr moderner Trainer, der seine Sache sehr gut macht. Gott sei Dank hatte ich nach dem Doppelpack gegen Costa Rica Selbstvertrauen, denn bevor ich vom Vier-Länder-Turnier in der Schweiz nach Porto zurückflog, hatte ich noch nie unter ihm trainiert. Vor dem Spiel gegen Benfica, in dem mir zwei Tore gelangen, hatte ich nur das Abschluss-Training am Freitag intus. Unter einem anderen Trainer hätte ich vielleicht gar nicht gespielt. Da habe ich sicher Glück gehabt, dass er mich trotzdem aufstellt. Er hat mich ja in Wahrheit nur ein Training lang gesehen.

Sport1: Wie würdest du das Niveau der portugiesischen Liga einschätzen?
Linz: Es spielen drei Vereine in der Champions League eine tragende Rolle. Mehr muss man zum Niveau glaube ich nicht sagen, das erklärt sich von selbst. Der Großteil der Vereine hat durch die EURO 2004 moderne Stadien. Einzig der eine oder andere Aufsteiger spielt vor 2.000 Zuschauern, so wie zu besten Zeiten bei der Admira. Aber gegen Vereine wie gegen Benfica spielst du vor 40.000 Zuschauern.

Sport1: Dein ÖFB-Kollege Sanel Kuljic zum Beispiel sieht Sion als Sprungbrett. Ist das auch dein Hintergedanke bei Boavista?
Linz: Die portugiesische Liga ist sicher über die Schweizer zu stellen, davon bin ich überzeugt. Der FC Porto hat 2004 die Champions League gewonnen, davor den UEFA-Cup. So schlecht kann die Liga also nicht sein. Jetzt konzentriere ich mich also einmal auf Boavista. Ich besitze leider keine Glaskugel, also weiß ich nicht, was die Zukunft bringt.

Sport1: Kurze Rückblende zur Austria: Wäre es für dich auch eine Option gewesen, am Verteilerkreis zu bleiben?
Linz: Es war schon eine Option, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass mich Schinkels behalten will. Auch der Verein hat mir das Gefühl nie gegeben, also habe ich mich für den Wechsel entschieden. Trotzdem war es für mich ein sehr erfolgreiches Jahr. Wir haben das Double geholt und ich bin Torschützenkönig geworden.

Sport1: Wenn man sich die aktuelle Situation anschaut, wärst du wohl unumstrittener Stammspieler, hätte es das eine oder andere Problem im Frühjahr nicht gegeben...
Linz: Stammspieler war ich immer. Hin und wieder hat Schinkels eben Ideen gehabt, die eh keiner nachvollziehen konnte. Er hat mich auch oft in der Öffentlichkeit kritisiert, aber ich habe nie etwas dazu gesagt, sondern immer versucht meine Leistung zu bringen. Ich glaube, dass ich durch meine Tore trotzdem maßgeblich an der Meisterschaft beteiligt war.

Sport1: Spürst du Mitleid aufgrund der aktuellen Situation bei der Austria?
Linz: Nein, denn es steht mir eigentlich nicht zu, dass ich etwas über die aktuelle Austria sage. Ich bin nicht mehr dort, und es gibt eh genug Leute, die auf die Mannschaft hinhauen. Da muss ich meinen Senf nicht dazu geben. Aber ich wünsche der Mannschaft natürlich, dass sie unten rauskommt. Denn in der Mannschaft selbst ist sicher ein gutes Klima.

Sport1: Die Anzahl der Legionäre im ÖFB-Team ist im Vergleich zur letzten Saison gestiegen. In letzter Zeit häufen sich die Erfolgsmeldungen. Neben dir trifft auch Kuljic regelmäßig, Ivanschitz scort ebenfalls. Wie wichtig ist diese Entwicklung fürs Nationalteam?
Linz: Es ist immer positiv, wenn Spieler gewisse Erfolge haben im Ausland. Dass es aber auch im Team von heute auf morgen geht, ist schwierig. Aber wenn man uns Spielern Zeit gibt, kann wieder etwas entstehen. Man wird im Ausland einfach mehr gefordert als in Österreich. Die österreichische Liga hat auch ein gewisses Niveau, nur ist in manchen ausländischen Ligen, wo bessere Stadien sind, mehr Fans kommen, einfach mehr Geld im Spiel. Das sieht man wiederum an der erhöhten Qualität der Spieler. Trotzdem darf man den österreichischen Fußball nicht so schlecht reden, wie manche Experten meinen, es tun zu müssen.

Sport1: Experten, die sich in letzter Zeit vermehrt zu Wort melden...
Linz: Die müssen das eigentlich nicht machen. Diese Spieler waren auch mal in der Situation, wo es nicht so gelaufen ist. Da haben sie sich auch aufgeregt. Die hauen auf die Mannschaft hin, weil sie meinen, dass sie wieder einmal in die Öffentlichkeit kommen müssen. Dass dann manche einen Gehirnfurz lassen, ist schade.

Sport1: Wobei ihr die öffentliche Stimmung mit in der Hand habt. So gesehen ist Liechtenstein sicher ein Pflichtsieg...
Linz: Ich denke, dass jeder Spieler mit der Einstellung ins Match geht, dass wir dort gewinnen. Ich bin der Meinung, dass das gelingt. Aber so einfach wird das nicht. Liechtenstein hat gegen Portugal 2:2 gespielt, gegen Schweden lange ein 1:1 gehalten. Das ist kein Jausengegner. Die gibt es im Fußball auch kaum mehr.

Sport1: Eigentlich hat man geglaubt, dass man bis zur EURO zwei Jahre relativ bedeutungslose Freundschaftsspiele hat. Wenn man es positiv sieht, ist jetzt ausgerechnet gegen Liechtenstein Druck da. Druck, an den ihr euch ohnehin gewöhnen müsst...
Linz: Ich habe gern einen Druck. Das ist mir lieber, als wenn es in einem Trott dahin geht. Für mich persönlich ist das gut.

Quelle: Sport1